Das Schwert des heiligen Galgano

Reiseliteratur

Rei­se­li­te­ra­tur

Anfang Mai ste­cke ich übli­cher­wei­se mit­ten in den inhalt­li­chen Urlaubs­vor­be­rei­tun­gen. Ich wäl­ze Rei­se­füh­rer, kli­cke mich durch Insta­gram-Pro­fi­le, sur­fe durch Wiki­pe­dia, um neue, inter­es­san­te Zie­le zu fin­den, oder her­aus­zu­fin­den, wo es sich lohnt, noch ein­mal hin­zu­fah­ren. Für die­ses Jahr steht Sie­na und Umge­bung auf dem Pro­gramm: eini­ges zum wie­der­hol­ten Male, aber auch ein paar Orte zum ers­ten Mal. Zu letz­te­ren gehö­ren auch die Abba­zia di San Gal­ga­no und die Cap­pel­la di San Gal­ga­no a Mon­te­sie­pi (IT, auch Ere­mo oder Ora­to­rio genannt, s.u.). Letz­te­re ist bekannt für ihre Fres­ken von Ambro­gio Loren­zet­ti — und das Schwert des hei­li­gen Gal­ga­nos.

Sankt Gal­ga­no (IT) (1148/1152 — 30.11.1181) soll zum Zei­chen sei­ner Abkehr von Gewalt sein Schwert hier in den Fels gesto­ßen haben, das spä­ter nie mehr aus dem Stein zu lösen war (s. auch Exca­li­bur). Seit­her… Moment, genau hier wird es span­nend, denn die inzwi­schen fünf Rei­se­füh­rer “Toscana”/“Toskana”, die aktu­ell in unse­rem Besitz sind, erzäh­len den Sach­ver­halt sehr unter­schied­lich:

Im DuMont “Rich­tig Rei­sen Tos­ca­na”, 1986, 9. Auf­la­ge 1991 von Nana Clau­dia Nen­zel (den haben wir uns druck­frisch zu unse­rer Hoch­zeits­rei­se gekauft) fin­det die Ein­sie­de­lei noch kaum Erwäh­nung (S. 285/286):

Ent­stan­den ist das ehe­ma­li­ge Zis­ter­zi­en­ser-Klos­ter aus einer Ein­sie­de­lei des Gal­ga­no (1148 bis 1185). Als Gal­ga­no im Jah­re 1185 von Papst Lucio III. Hei­lig gespro­chen wur­de, stand bereits eine run­de Kapel­le zu sei­nen Ehren auf dem nahen Hügel. Ambro­gio Loren­zet­ti hat die Fres­ken dar­in gemalt!

Im Baede­ker, 13. Auf­la­ge, von 2006 ist zu lesen:

Der ursprüng­li­che Kern des Zis­ter­zi­en­ser­klos­ters ist eine klei­ne rona­ni­sche Rotun­de, die 1182 iiber dem Grab des hl. Gal­ga­no auf dem Mon­te­sie­pi errich­tet wur­de. Über dem Sockel aus Natur­stein zeigt das Mau­er­werk Stein­strei­fen und Sicht­zie­gel­bau im Wech­sel. Die Kup­pel von San Gal­ga­no sul Mon­te Sie­pi erin­nert an etrus­ki­sche Grab­mä­ler, wäh­rend der Tam­bour dem Grab der Cae­ci­lia Metal­la an der Via Appia in Rom ähnelt. Die zahl­lo­sen, in Spi­ral­form ange­ord­ne­ten Stein­rin­ge sind ein mit­tel­al­ter­li­ches Sym­bol für den Men­schen, der zu sei­nem Schöp­fer auf­steigt. In der Fuß­bo­den­mit­te steckt in einem Fel­sen das Schwert Gal­ga­nos, das aller­dings aus dem 19. Jh. stammt. Die im 14. Jh. ange­füg­te Back­stein­ka­pel­le birgt herr­li­che Fres­ken des Sie­ne­sers Ambro­gio Loren­zet­ti. Tei­le des dop­pel­rei­hi­gen Zyklus sind lei­der nur schlecht erhal­ten, wie die Sze­nen aus dem Leben des hl. Gal­ga­no und die »Ver­kün­di­gung«. Letz­te­re bezieht in ihre Dar­stel­lung ein Fens­ter und die Kas­set­ten­de­cke mit ein, sodass ein räum­li­cher Ein­druck ent­steht. Bei einer Restau­rie­rung zeig­te sich, dass die Figur der Mut­ter­got­tes in der Maes­ta über­malt wur­de und ursprüng­lich als Köni­gin der Engel ohne Kind gedacht war. Zu Mari­as Füßen liegt die Ursün­de­rin Eva; die zwei kni­en­den Frau­en sym­bo­li­sie­ren die Nachs­ten­lie­be (Früch­te ver­tei­lend) und die Lie­be Got­tes (ein Herz dar­brin­gend). Bei den dar­ge­stell­ten Zis­ter­zi­en­ser­mön­chen han­delt es sich ver­mut­lich um den Ordens­grlin­der Robert von Moles­me und den hl. Bern­hard von Clairvaux.

Im DuMont Kunst­rei­se­füh­rer Tos­ca­na, 8. aktua­li­sier­te Auf­la­ge 2011von Klaus Zim­mer­man lesen wir auf Sei­te 361:

Das nahe Ora­to­rio di San Gal­ga­no sul Mon­te­sie­pi gehört zu den sel­te­nen Bei­spie­len roma­ni­scher Rund­bau­ten in Mit­tel­ita­li­en. Beim Mau­er­werk wech­seln Schich­ten von Zie­gel- und Hau­stei­nen ab. Die Kup­pel ist rip­pen­los. Ein jun­ger Edel­mann namens Gal­ga­no hat­te die Visi­on, dass der Erz­engel Micha­el ihn auf den Mon­te­sie­pi führ­te. Dar­auf­hin beschloss er, sich vom rit­ter­li­chen Leben abzu­keh­ren und Ein­sied­ler zu wer­den. Kurz vor sei­nem Tod im Jahr 1181 ließ er das Ora­to­ri­um errich­ten. Ein (moder­nes) Schwert im Boden des Ora­to­ri­ums erin­nert an das legen­dä­re Schwert, das Gal­ga­no in einen Fels­block stieß, aus dem es nicht mehr gelöst wer­den konn­te. In der Anfang des 14. Jh. ange­bau­ten Kapel­le mal­te Ambro­gio Loren­zet­ti um 1334 meh­re­re, teil­wei­se schlecht erhal­te­ne Fres­ken. Beim Ablö­sen von der Wand tra­ten ihre Sin­opi­en her­vor. Die ›Maes­tà‹, zeigt die thro­nen­de Mut­ter­got­tes mit Kind, umge­ben von Hei­li­gen; vor dem Thron eine lie­gen­de weib­li­che Gestalt, die Eva ver­kör­pert, fer­ner Per­so­ni­fi­ka­tio­nen der Nächs­ten- und der Got­tes­lie­be. Die Sin­opie zur ›Ver­kün­di­gung‹ zeigt eine vor den Wor­ten des Engels zurück­wei­chen­de Jung­frau — mit aus­drucks­star­ker Gebär­de, wie er sie im Fres­ko nicht aus­zu­füh­ren wag­te. Unter den Fres­ken mit Sze­nen aus dem Leben des Hl. Gal­ga­no fin­det sich jene, wie der Hei­li­ge sein Schwert Micha­el über­gibt, der ihn ermu­tigt, sei­nen Weg zum Him­mel fort­zu­set­zen.

Baede­ker Tos­ka­na, 19. Auf­la­ge 2018, völ­lig über­ar­bei­te­te und neu gestal­tet (S. 340):

Über dem Grab des hl. Gal­ga­no eini­ge Hun­dert Meter nörd­lich der Klos­ter­kir­che steht die roma­ni­sche Rotun­de des Ere­mo di Mont­sie­pi. Die Kup­pel der Ein­sie­de­lei erin­nert an Etrus­ker­grä­ber, Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker sehen in dem Bau eher ein Werk der Temp­ler auf Grals­su­che. Die spi­ral­för­mi­gen Stein­rin­ge sind aber ein Mit­tel­al­ter­sym­bol für zum Schöp­fer stre­ben­de Men­schen. Wie das sagen­haf­te Exca­li­bur steckt in der Mit­te Gal­ga­nos legen­dä­res Schwert im Fel­sen. Die im 14. Jh. ange­füg­te Kapel­le birgt herr­li­che Fres­ken des Sie­ne­sers Ambro­gio Loren­zet­ti, die der­zeit restau­riert wer­den.

Im “DuMont Rei­se-Hand­buch Tos­ca­na”, 4. aktua­li­sier­te Auf­la­ge 2018, wie­der von N. C. Nen­zel lesen wir im Abschnitt zu San Gal­ga­no (S. 344):

Ent­stan­den ist das ehe­ma­li­ge Zis­ter­zi­en­ser­klos­ter unter­halb der Ein­sie­de­lei für den hl. Gal­ga­no (1148- 1181). Als die­ser im Jah­re 1185 von Papst Lucio III. hei­lig gespro­chen wur­de, stand zu sei­nen Ehren bereits eine run­de Kapel­le auf dem nahen Hügel (Ere­mo di Mon­te­sie­pi, fast durch­ge­hend geöff­net). Ambro­gio Loren­zet­ti hat­te sie mit Fres­ken aus­ge­malt, die man teil­wei­se in der klei­nen Sei­ten­ka­pel­le von 1340 mit­samt den Sin­opi­en wie­der frei­ge­legt hat; sie zei­gen die Geschich­te der hl. Jung­frau. In der Mit­te der run­den Wall­fahrts­kir­che mit impo­san­ter Kup­pel­kon­struk­ti­on wird ein kur­zes Schwert bewun­dert, das der Sol­dat Gal­ga­no in den Fel­sen geschla­gen haben soll zum Beweis dafür, dass er dem Kampf abschwo­ren und sich nur noch Gott wid­men woll­te.

Wir wer­den es uns im Som­mer anse­hen und dann berich­ten.

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