Was heißt denn vorweggehen?

Was heißt denn vorweggehen?Ein Tag im Rhei­ni­schen Revier” — so war der Titel einer Exkur­si­on, die ich am 10.09.2016 zusam­men mit 13 Genos­sin­nen und Genos­sen zum Braun­koh­le­ta­ge­bau Garz­wei­ler1 gemacht habe. Ich bin mit einem gemisch­ten Gefühl nach Garz­wei­ler gefah­ren. Dass ich kein Freund der Braun­koh­le bin und den Abbau schnellst­mög­lich been­det sehen möch­te, wun­dert sicher weni­ge. (Was schnellst­mög­lich dabei heißt, ist dabei ein span­nen­der Aspekt. Doch dazu spä­ter.) Ich hat­te mich vor allem aus geo­phy­si­ka­li­schem, geo­lo­gi­schem und tech­ni­schem Inter­es­sen ange­mel­det.

Die Tat­sa­che, dass ich mit RWE-Ver­tre­tern bei energie‑, umwelt‑, kli­ma­po­li­ti­schen Fra­gen oder Aspek­ten rund um die Umsied­lun­gen nicht einer Mei­nung sein wür­de, bewog mich, mir vor­zu­neh­men, nicht zu dis­ku­tie­ren. Denn es war abzu­se­hen, dass hier kei­ner den ande­ren auch nur im Ansatz über­zeu­gen könn­te oder umge­kehrt bereit war, sich über­zeu­gen zu las­sen: Die (Gegen-)Argumente sind auf bei­den Sei­ten hin­läng­lich getauscht.

Einführung

Tref­fen der Grup­pe war am Zechen­haus am Ran­de des Tage­baus. Dort erhiel­ten wir von einem Berg­bau­in­ge­nieur eine Ein­füh­rung in den Braun­koh­len­ab­bau: Zah­len, Daten Fak­ten.2 Dabei ging es unter ande­rem um Teu­fen (bis zu 370m) und Mäch­tig­kei­ten (bis zu 70m) der Braun­koh­le­flö­ze, Abraum- und För­der­men­gen (ca. 200 Mio t resp. 40 Mio t), Grund­was­ser­sümp­fung, Anzahl der Mit­ar­bei­ter (ca. 1700), Schicht­sys­tem (24/7 in drei Schich­ten außer Heiligabend/1. Weih­nachts­tag und Sylvester/Neujahr) etc. pp. Das war also noch alles abso­lut unstrit­tig. Die “poli­ti­sche Ein­ord­nung” soll­te von einem ande­ren Mit­ar­bei­ter nach der Tage­bau­be­sich­ti­gung erfol­gen.

Rundfahrt

Nach der Ein­füh­rung ging es mit einem “Bus” in den Tage­bau. Wobei die­ser Bus ein gelän­de­gän­gi­ger All­rad-LKW mit Kabi­nen­auf­bau ist. Zunächst fuh­ren wir an schein­bar unend­li­chen Band­stra­ßen ent­lang, auf denen die Braun­koh­le aus dem Tage­bau zu Bun­ker und Ver­la­de­sta­ti­on geför­dert wird. An einem höher­ge­le­ge­nen Aus­sichts­punkt konn­ten wir im wahrs­ten Sin­ne einen Über­blick über die gera­de­zu gigan­ti­sche Anla­ge des Tage­baus bekom­men: ein Loch, ca. 6km lang, 1km breit, bis zu 370m tief, in dem im Wes­ten auf sechs Soh­len sechs Bag­ger arbei­ten, jeder davon an einer (eige­nen) Band­stra­ße, die zu einer zen­tra­len Ver­tei­lung för­dert, damit von dort ent­we­der die Koh­le aus dem Tage­bau geför­dert wird (s.o.) oder der Abraum unmit­tel­bar zu Abset­zern trans­por­tiert wird, die im Osten das Loch wie­der ver­fül­len. Dabei beträgt die Zeit, die zwi­schen dem Abba­gern des Abraums und des­sen Abset­zen ver­geht, ca. eine hal­be Stun­de.

Bagger 288

Auf der drit­ten Soh­le (ca. 60m unter Geländeoberkante/20m NN) arbei­tet der Bag­ger 288,3 den wir aus der Nähe bestau­nen durf­ten. Ein 13.500t-Koloss aus Stahl, der von einem Men­schen zen­ti­me­ter-genau bewegt wer­den kann, um mit sei­nem 22m mes­sen­den Schau­fel­rad mit 18 Schau­feln à 6,6m3 über 200.000m3 Mate­ri­al am Tag abzu­bag­gern. Mit eige­nem Sani­tär­be­reich, Werk­statt und, und und. Es ist unbe­schreib­lich, wie klein man sich neben so einer knapp 100m hohen Maschi­ne fühlt. Am Ende blieb hier der Ein­druck, mit welch unglaub­li­cher Bru­ta­li­tät sich der Bag­ger durch die Erde frisst.4

Nachbetrachtung “Reiseroute”

Um mei­ne vie­len, vie­len Fotos in mei­ner Daten­bank geo­gra­fisch zu tag­gen, zeich­ne ich häu­fig Aus­flü­ge mit einem GPS-Recei­ver auf. Hier benut­ze ich sie, um unse­re Tour unter zwei ver­schie­de­nen Gesichts­punk­ten zu visua­li­sie­ren.

  1. Im Over­lay aus Open­Street­Map-Kar­te (OSM), Goog­le-Satel­li­ten-Bild und unse­rem “Track” ist fol­gen­des deut­lich zu sehen:
    1. Bei Goog­le-Maps sind wir noch mit­ten durch Äcker gefah­ren.
    2. Bei OSM ist schon die A44n vor­ge­zeich­net.
  2. Das Höhen­pro­fil unse­rer Rund­tour: Das Zechen­haus liegt bei ca. 80m NN, von dort run­ter zum “Ver­schie­be­bahn­hof” auf ca. 60m NN und wie­der rauf zum Aus­sichts­punkt auf ca. 97mm NN. Von dort ging es mit einem “Zwi­schen­auf­stieg” zum Bag­ger 288 bei ca. 20mm NN. Von dort auf die Auto­bahn bei knapp 100m NN. Der Rück­weg zum Zechen­haus führ­te uns sogar durch ein Tal unter NN: der tiefs­te Punkt war bei ca. ‑8m NN.

voRWEggehn?

Zum Schluss zum The­ma „schnellst­mög­li­ches“ Ende des Braun­koh­le­ab­baus. Man mag mir dabei ideo­lo­gi­sches Den­ken vor­wer­fen (und ich strei­te das noch nicht ein­mal ab), aber dass wir schnellst­mög­lich von den fos­si­len Ener­gie­trä­gern los­kom­men müs­sen, steht für mich außer Fra­ge. Allein die Tat­sa­che, dass Koh­le und Öl end­lich sind, soll­te Ansporn genug sein. Die Kli­ma­schäd­lich­keit, Kos­ten, Umwelt­zer­stö­rung, sozia­le Fol­gen (Stich­wort Umsied­lung), Ewig­keits­fol­gen (Stich­wor­te Rest­see, Grund­was­ser­hal­tung) soll­ten ein übri­ges tun. Dass ich dann auch noch Erhal­tung der Schöp­fung in die Run­de wer­fe, mag den einen oder die ande­re etwas ver­wir­ren, ist für mich aber auch nicht ohne Belang. Aber selbst ohne den letz­ten Aspekt gibt es mei­nes Erach­tens Grün­de genug für den Aus­stieg aus der Braun­koh­le. Vor­weg: Ich will nie­man­dem, der/die vor 100 Jah­ren oder mehr in Zei­ten des indus­tri­el­len Auf­stiegs sich Gedan­ken gemacht hat, wie in Zukunft preis­güns­tig Strom erzeugt wer­den kann, einen Vor­wurf machen, dass er (oder sie?) auf den Gedan­ken der groß­in­dus­tri­el­len Nut­zung von (Braun-)Kohle gekom­men ist. Aber seit dem sind eini­ge Erkennt­nis­se über die Risi­ken und Neben­wir­kun­gen hin­zu­ge­kom­men. Und da wird es nun span­nend — selbst wenn ich mich allein auf die Ewig­keits­las­ten beschrän­ke. (Auf die Rele­vanz der Kli­ma­dis­kus­si­on ver­zich­te ich, da ich die Bedeu­tung des 97%-Konsens5 bzgl. des mensch­li­chen Ein­flus­ses auf den Kli­ma­wan­del und die dar­aus abzu­lei­ten­de Not­wen­dig­keit der sog. Dekar­bo­ni­sie­rung6 als gege­ben neh­me.) Hier wird eine Kul­tur­land­schaft in einer Art und Wei­se ver­än­dert, über deren Fol­gen wir heu­te nur spe­ku­lie­ren kön­nen.7 Selbst wenn RWE die ver­füll­ten Flä­chen rekul­ti­viert, das Grund­was­ser­re­gime dar­un­ter ist min­des­tens für die nächs­ten ca. 400 Jah­re zer­stört: Bis zum Ende des Abbaus muss der Grund­was­ser­spie­gel trich­ter­för­mig um den Tage­bau so abge­senkt wer­den, damit die Bag­ger nicht absau­fen. Der Wie­der­an­stieg nach Ende des Abbaus im Zuge des Fül­lens des Rest­sees8 dau­ert dann ca. 400 Jah­re. Selbst wenn der BUND eine Lob­by­ver­ei­ni­gung ist, so lohnt doch die Lek­tü­re der Bei­trä­ge zu die­sem The­ma.9

Völ­lig kru­de fand ich dann die Argu­men­ta­ti­on, dass selbst in über 30 Jah­ren noch Braun­koh­le­strom nötig sein wird. Dazu wur­de ein durch­schnitt­li­cher Strom­ver­brauch für den Febru­ar 2050 model­liert und unter­stellt, dass der Aus­bau der rege­ne­ra­ti­ven Ener­gi­en wie in den letz­ten Jah­ren erfolgt. Dar­aus wur­de dann eine nöti­ge Resi­dual­last (also die momen­ta­ne Dif­fe­renz zwi­schen durch rege­ne­ra­ti­ven Ener­gie­trä­gern gewon­ne­ner Ener­gie und dem tat­säch­li­chen Ener­gie­be­darf) ermit­telt. Die­se kann dann angeb­lich nur durch Koh­le gedeckt wer­den, da ja z.B. die AKWs 2022 end­gül­tig vom Netz gehen. Äh, Moment… 2050? Also in 34 Jah­ren. Gehen wir mal 34 Jah­re zurück. 1982.10 Das war das Jahr der gro­ßen Frie­dens-Demo in Bonn11, der C64 kam auf den Markt, Smi­leys wur­den “erfun­den”, der ers­te Com­pu­ter-Virus ver­brei­tet sich. Über wel­che Ener­gie­tech­nik haben wir da gespro­chen? Über wel­che Spei­cher­tech­nik haben wir da gespro­chen? Ich kann mich zwar nicht mehr erin­nern, aber ich den­ke, dass wir da getrost auf wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Fort­schritt hof­fen kön­nen.

Mei­ne größ­te Sor­ge ist, dass RWE auch hier wei­ter unter der Prä­mis­se “Gewin­ne pri­va­ti­sie­ren, Ver­lus­te sozia­li­sie­ren” agiert: Wenn der Braun­koh­le­strom nicht mehr wirt­schaft­lich erzeugt wer­den kann, lässt man die ent­spre­chen­de Kon­zern­spar­te halt Plei­te gehen und die All­ge­mein­heit muss die Kos­ten der “Abwick­lung” tra­gen. Damit hat RWE ein unglaub­li­ches Erpres­sungs­po­ten­ti­al. Wenn das nicht bald — ähn­lich wie bei der Stein­koh­le im Ruhr­ge­biet und viel­leicht auch bald bei den AKWs — gere­gelt wird, haben wir ein Pro­blem. Wir — und alle fol­gen­den Genera­tio­nen — wer­den dann eher frü­her als spä­ter die Kos­ten des bil­li­gen Stroms des 20. und begin­nen­den 21. Jahr­hun­derts zu tra­gen haben. Das ist aber nicht mei­ne Idee von voR­WEg­ge­hen. Des­halb muss (lei­der?) beim Aus­stieg aus der Braun­koh­le eng mit RWE zusam­men­ge­ar­bei­tet wer­den. Aber es muss gesche­hen, um wei­ter­zu­ge­hen.

Fazit:

  1. Es war ein in vie­ler Hin­sicht span­nen­der Aus­flug — von fas­zi­nie­rend bis beklem­mend war alles dabei.
  2. Eini­ge der Argu­men­te ver­meint­lich pro Braun­koh­le las­sen sich dann viel­leicht doch wen­den.
  3. Ein Mit­fah­ren­der brach­te es auf der Rück­fahrt auf den Punkt: “Naja, wir woll­ten uns ja eigent­lich den Tage­bau anse­hen. Dann muss man halt auch den Wer­be­block über sich erge­hen las­sen.”
"Energiepolitische Einordnung"

Ener­gie­po­li­ti­sche Ein­ord­nung”

  1. Wiki­pe­dia: https://de.wikipedia.org/wiki/Tagebau_Garzweiler
  2. Wiki­pe­dia: https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinisches_Braunkohlerevier
  3. Wiki­pe­dia: https://de.wikipedia.org/wiki/Bagger_288
  4. Erde heißt in die­sem Fall: ca. 8 Mio Jah­re alte San­de mit einer Kör­nung von feins­tem Strand­sand, fast schon Staub.
  5. Kli­ma­fak­ten: https://www.klimafakten.de/behauptungen/behauptung-es-gibt-noch-keinen-wissenschaftlichen-konsens-zum-klimawandel
  6. Wup­per­tal Insti­tut: http://wupperinst.org/themen/klima/dekarbonisierung
  7. Der Mensch hat schon immer sei­nen Lebens­raum (um)geformt. In Mit­tel­eu­ro­pa gibt es kaum Stel­len, die im engen Sin­ne noch natür­lich geprägt sind. Wir leben in einer Kul­tur­land­schaft.
  8. Der so genann­te Rest­see ent­steht durch das Loch, das durch die “feh­len­de” Koh­le und den Abraum, der auf der Hal­de Sophie­hö­he gelan­det ist, bleibt.
  9. Rest­see (BUND): http://www.bund-nrw.de/themen_und_projekte/braunkohle/braunkohlentagebaue/tagebau_inden/restsee_oder_verfuellung
    Gewäs­ser­schutz all­ge­mein (BUND): http://www.bund-nrw.de/themen_und_projekte/braunkohle/braunkohle_und_umwelt/braunkohlentagebau_und_gewaesserschutz
    Ewig­keits­las­ten (BUND): http://www.bund-nrw.de/themen_und_projekte/braunkohle/braunkohle_und_umwelt/ewigkeitslasten_fonds
  10. Wiki­pe­dia: https://de.wikipedia.org/wiki/1982#Wissenschaft_und_Technik
  11. Fried­rich-Ebert-Stif­tung: https://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/stichwort/friedensdemonstration.htm

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