Urlaubsnotizen 2019/010: Und sonst noch…

TitelbildWas machen wir eigent­lich so den gan­zen Tag am Haus? Eigent­lich nichts, oder?

Täg­lich bekom­men wir Besuch von den Wild­schwei­nen. In die­sem Jahr sind sie nicht nur däm­me­rungs­ak­tiv, son­dern sind beim Früh­stück, Mit­tags, Nach­mit­tags und natür­lich abends und nachts unter den Pflau­men­bäu­men unter­wegs und knur­pseln das Fall­obst weg. Dass wir sowohl die Mira­bel­len als auch die ers­ten rei­fen Pflau­men geern­tet haben, gefiel ihnen nicht beson­ders.

Mit dem geern­te­ten Obst haben wir Mar­me­la­de und Gelee gemacht. Schließ­lich woll­ten wir unse­ren Ent­saf­ter nicht umsonst mit­ge­nom­men haben… In die­sem Jahr haben wir eine neue Vari­an­te aus­pro­biert: Pfir­sich mit Melo­ne, sehr som­mer­lich lecker.

Neben den Wild­schwei­nen gibt es noch ande­re Tie­re zu beob­ach­ten: Schmet­ter­lin­ge, Libel­len, Hum­meln in ver­schie­dens­ten Sor­ten, Hor­nis­sen und in die­sem Jahr neu: eine Hasen­fa­mi­lie, die aller­dings eigent­lich nur rela­tiv früh am Mor­gen zu sehen war.

Dag­mar hat in die­sem Som­mer wie­der die Zei­chen­uten­si­li­en aus­ge­packt und ein­ge­setzt. Und bei einem Besuch in Cor­to­na im dor­ti­gen Künst­ler­be­darfs­la­den Aqua­rell­far­ben und ‑papier gekauft. Neben Hum­mel- und Blät­ter­stu­di­en sind eini­ge Farb­ex­pe­ri­men­te ent­stan­den.

Gele­sen haben wir auch wie­der: Den absur­den Roman “Schar­now” von Bela B. Fel­sen­hei­mer (ja, genau der Bela B. von den Ärz­ten). In sei­nem ers­ten Roman geht es um eine ers­te Lie­be, voll­kom­men absur­de Ver­schwö­rungs­theo­ri­en und ihre Fol­gen, um See­len­park­plät­ze, einen flie­gen­den Mann und einen Über­fall auf einen Super­markt durch einen Trupp nack­ter Irrer. Die sehr lesens­wer­ten Kurz­ge­schich­ten von Eva Manes­se ste­hen zwar unter dem Titel “Tie­re für Fort­ge­schrit­te­ne”, hat­ten aber eher weni­ger mit Tie­ren zu tun. “Das Feld” von Robert Stad­ler spinnt aus lau­ter Ein­zel­ge­schich­ten ein Pan­ora­ma einer Klein­stadt, das titel­ge­ben­de Feld ist der Fried­hof, auf dem jede ein­zel­ne Geschich­te endet oder auch beginnt, in den Erin­ne­run­gen der Toten. Ein Pan­ora­ma Geor­gi­ens im 20. Jahr­hun­dert erzählt Nino Hara­ti­sch­wi­li wirk­lich groß­ar­tig in ihrem Roman “Das ach­te Leben” anhand der Geschich­te einer Fami­lie. Das Buch habe ich nicht mehr ganz geschafft, jetzt wird es ver­mut­lich etwas lang­sa­mer wei­ter­ge­hen mit dem Lesen. Sehr beein­dru­ckend und unter­halt­sam war “Die Welt der Far­ben” von Kas­sia St Clair. Ein klei­nes biss­chen dienst­li­che Lek­tü­re war auch dabei: Ein Text von Frank Möl­ler über Hürt­gen­wald und der Band “Bau­haus” aus der Beck’schen Rei­he.

K. St Clairs Welt der Far­ben1, das Ste­phan kurz vor dem Urlaub ent­deckt hat­te, ist ein wirk­lich schö­nes Buch: In kur­zen Tex­ten, Kolum­nen halt, erzählt St Clair viel zur Ent­ste­hung der Far­ben. Von den prä­his­to­ri­schen Höh­len­ma­le­rei­en bis zu moder­nen Druck­far­ben, jeweils am Bei­spiel einer kon­kre­ten Far­be, von Absinth bis Zin­no­ber­rot, sor­tiert nach Kate­go­ri­en wie Weiß, Pink oder Braun. Auch die deut­sche Über­set­zung von Mari­on Hertle ist mei­nes Erach­tens gut gelun­gen.

Der Klap­pen­text Andrea Camil­le­ris Die Inschrift2, der fast noch eine Kurz­ge­schich­te ist, besteht, neben einem Satz aus einer Kri­tik des Cor­rie­re Del­la Sera aus einem ein­zi­gen Satz: “Camil­le­ris ver­gnüg­li­cher Roman über die gro­tes­ken Züge der Klein­bür­ger­welt im Faschis­mus.” Nun, ich wür­de die bei­den letz­ten Wor­te strei­chen. Dass hier der Ver­ein “Faschis­mus und Fami­lie” im Juni 1940 in Viga­ta, dem Leser Camil­le­ris Mon­tal­ba­no-Kri­mis wohl­be­kannt, als Büh­ne dient, ist das eine. Letzt­end­lich hät­te die­ses Stück aber auch in einem Dorf im Oder­bruch zu DDR-Zei­ten oder viel­leicht auch in einem klei­nen Dorf in der Eifel vor ein paar Wochen erst statt­fin­den kön­nen.3

Wie sieht ein Ita­lie­ner sei­ne Lands­leu­te? Auf die­se span­nen­de Fra­ge erhoff­te Ste­phan sich eine Ant­wort in einem wei­te­ren Buch von Andrea Camil­le­ri.4 Dass das alles nicht so ein­fach ist, erläu­tert er, der Sizi­lia­ner, direkt am Anfang, in dem er auf die Schwie­rig­keit der Defi­ni­ti­on Ita­li­ens und des Ita­lie­ni­schen ver­weist. Eini­ges davon erin­nert an die Schwie­rig­keit mit “dem Deut­schen” an sich — was ja schon beim “Rhein­län­der an sich” (Zitat Kon­rad Bei­kir­cher, selbst Süd­ti­ro­ler) kläg­lich schei­tert.
Das fol­gen­de Zitat, was selbst aus Zita­ten besteht, zeigt, wie sich Camil­le­ri der The­ma­tik nähert:

Im Aus­land hält man den Ita­lie­ner für nich ver­trau­ens­wür­dig, weil er oft das gege­be­ne Wort bricht oder eine ein­ge­gan­ge­ne Ver­pflich­tung nicht erfüllt.
(…)
Im Film “Der drit­te Mann” gibt es dafür ein gutes Bespiel: Der Mann, den Orson Wel­les spielt (der Regis­seur erklär­te, der Satz stam­me von Orson Wel­les selbst), sagt, die Renais­sance in Ita­li­en sei gera­de und er Zeit ent­stan­den, als Bru­der­krie­ger, Ver­rat und Mord den Höhe­punkt erreich­ten, wäh­rend der lan­ge, ruhi­ge Frie­den der Schweiz nur die Kuckucks­uhr her­vor­ge­bracht habe.
Und die­ser selt­sa­me Wider­spruch zei­ge sich (…) bei jedem lang­sa­men Zoom (…) auf einen Ita­lie­ner von heu­te.

Inter­es­sant ist, dass das Buch zu Ber­lus­co­nis Zei­ten geschrie­ben wur­de. Unter Sal­vi­ni & Co. hat vie­les einen wei­te­ren Spin bekom­men — auf dem frucht­ba­ren Boden, den der “Cava­lie­re” berei­tet hat. Inklu­si­ve des Ver­sa­gens und des anschlie­ßen­den Ver­schwin­dens der poli­ti­schen Lin­ken.5

Seit Jah­ren liest Ste­phan hier im Urlaub Bücher der Beck’schen Rei­he mit dem Schwer­punkt Geschich­te, ins­be­son­de­re Hei­li­ges Römi­sches Reich (bis 1806), Renais­sance in Kunst, Kul­tur und Poli­tik etc. pp. Die­ses Jahr war ein­zig Vol­ker Rein­hardt Die Renais­sance in Ita­li­en6 dran. Teil­wei­se ganz inter­es­san­te Ansät­ze, aber im Gro­ßen und Gan­zen nicht der Rei­ßer. Scha­de.

Mit Tobi und Gabi gab es vie­le Gesprä­che, an einem der Aben­de auch mal “Zug um Zug”. Dass wir ger­ne kochen, auch im Urlaub, wis­sen glau­be ich alle. Hier die Zuta­ten für ein typi­sches Abend­essen.

Tobi und Gabi haben aus Mün­chen eine gro­ße Kis­te mit­ge­bracht. Drin war: Ein Pool — eigent­lich ein etwas grö­ße­res Plansch­be­cken für Erwach­se­ne. Aber groß­ar­tig! Damit kom­men unse­re Urlaubs­no­ti­zen 2019 auch zu ihrem Ende. Hof­fent­lich hat­tet Ihr etwas Spaß beim Lesen — uns hat das Schrei­ben (und foto­gra­fie­ren) jeden­falls sehr viel Spaß gemacht.

 

  1. St Clair, Kas­sia, Die Welt der Far­ben, Tem­po, erschie­nen bei Hoff­mann und Cam­pe Ver­lag, Ham­burg, ISBN 978 3 455 00133 4, 2018.
  2. Camil­le­ri, Andrea,Die Inschrift, Kind­ler erschie­nen bei Rowohlt, Rein­bek, ISBN 978 3 463 40676 3, 2018. Infos auch beim Per­len­tau­cher.
  3.  Dass ich das Buch über­haupt hier im Urlaub habe lesen kön­nen, ver­dan­ke ich dem unkom­pli­zier­ten Zusam­men­spiel mei­nes Buch­händ­lers, der Post und der Bar Buc­ci in San Leo Basia. Der Gros­sist war näm­lich nicht in der Lage, das Buch recht­zei­tig vor unse­rer Abrei­se zu lie­fern. Das mag dar­an lie­gen, dass A. Camil­le­ri just an dem Tag, an dem ich das Buch bestell­te, gestor­ben ist — was ich zum Zeit­punkt der Bestel­lung noch gar nicht wuss­te. Ver­mut­lich sind dar­auf­hin alle Camil­le­ri-Bestän­de beim Gros­sis­ten aus­ge­lie­fert wor­den etc. pp. Jeden­falls war der Vor­schlag, die Adres­se der Bar im Dorf zu hin­ter­las­sen, der Brief gin­ge dann schnellst­mög­lich raus. Und in der Tat konn­te ich bereits bin­nen weni­ger Tage das Buch in Emp­fang neh­men.
  4. Camil­le­ri, Andrea, Was ist ein Ita­lie­ner? Ver­lag Klaus Wagen­bach, Ber­lin, ISBN 978 3 8031 2630 6, 2011. Infos auch beim Per­len­tau­cher.
  5. Der zwei­te Teil des Buchs ist ein knapp 30 sei­ti­ger “Kom­men­tar” (zum gut 30 sei­ti­gen Haupt­teil) von Peter Kam­me­rer. Wäre es ein Semi­nar, eine Tagung, wür­de ich das als Kore­fe­rat bezeich­nen — ähn­lich sub­stan­ti­ell und ori­gi­nell wie es die­sen Bei­trä­gen eigen ist. Es ist halt der Unter­schied zwi­schen einem ita­lie­ni­schen Lite­ra­ten und Phi­lo­so­phen, der “sein” Land erklärt und einem Deut­schen, der seit 1962 in Urbi­no Sozio­lo­gie lehrt. “Haupt­teil” und Camil­le­ris “Inschrift” (s.o.) loh­nen sich drin­gend zusam­men zu lesen.
  6. Rein­hardt, Vol­ker, Die Renais­sance in Ita­li­en, Ver­lag C.H.Beck, Mün­chen, ISBN 978 3 406 74284 2 

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