Bonn in Orange — Kehrmännchen, Teil 1

2015/2016 habe ich bei bonnorange und der Müllverwertungsanlage Bonn mehrmals hospitiert: Restmüll, Sperrmüll, Papier, die MVA und Biomüll. Der Fokus lag offensichtlich auf der „klassischen“ Abfallwirtschaft. Zur Stadtreinigung gehören aber auch die Straßenreinigung und der Winterdienst. Winterdienst ist im Juni eher weniger angesagt, aber klassische Straßenreinigung geht (fast) immer.

Der Wecker klingelte um 4:45 Uhr, um 5:45 Uhr war umziehen und melden beim Disponenten angesagt. Team 5, Beifahrer auf einer Kompaktkehrmaschine und anschließend Handkehrung. Na dann mal los.

Teil 1: Seekrank auf der Maschine

Um 6:00 Uhr ging es mit Victor in die Wagenhalle zu einer Ravo 5: 5m3 Volumen, knapp 6t Eigengewicht, bis zu 5,5t Zuladung — und das bei gut 4,5m Länge und einen Radstand von unter 2m! Das ist schon recht kompakt (s.o.)! Vor dem Start musste noch Wasser für die Sprühdüsen getankt werden. Dann ging es los, zunächst: Ellerviertel, Mackeviertel Sportpark Nord, rund um die Beethovenhalle und Südstadt. Die Besen, aus Eisenlamellen, halten auf dem Hauptteller durchschnittlich ein bis zwei Wochen, dann werden sie noch mal auf den Seitenteller montiert, bevor sie dann nach weiteren ein bis zwei Wochen „auf“ sind. Im Grunde ist so eine Kehrmaschine aber in der Tat nichts anderes als ein großer Staubsauger (s. Video).

Die oben genannten kompakten Abmessungen führen im Einsatz zu einem „interessanten“ Nebeneffekt: Selbst ich als Segler wurde auf dem Beifahrersitz fast seekrank. Jede Bodenwelle, jedes Beschleunigen und Abbremsen schlagen auf den Magen, und das bei einer nicht unerheblichen Geräuschkulisse von Motor, Gebläse und rotierenden Besen.

Teil 2: Handreinigung

Nach den Mittagspause (10:00 Uhr bis 10:30 Uhr) ging es dann mit dem „Kabiner“ mit Walter, Boris und Richard zurück ins Revier: Nachkehren. (Auf dem Weg dorthin wurde eine „wilde Müllablagerung“ eingesammelt.) Was sich so lapidar anhörte stellte sich als eine gewisse Herausforderung heraus: In den engen Straßen, an denen meist am Straßenrand dicht geparkt wird, kommt selbst die Kompaktkehrmaschine nicht an den Bordstein heran. Darüberhinaus sprießt derzeit das Grün aus allen Fugen des Pflaster. Und das muss weg. Long story short: Für den Bereich Weberstraße, Lennéstraße (ab Weberstraße), Johannes-Henry-Straße und Hälfte Niebuhrstraße haben wir drei Stunden gebraucht — trotz Freischneider und Unterstützung einer Kleinkehrmaschine (Patrick!). Am Ende der Schicht haben wir noch den Kehricht, den Richard rund ums Stadthaus gesammelt hat aufgesammelt. Dann ging es zurück an den Lievelingsweg: Abkippen und fertig.

Fazit

Erst einmal ein herzliches Dank an Boris, Patrick, Richard, Richard, Victor und Walter, für einen spannenden Tag. Am vermutlich ersten Sommertag des Jahres mit auf der Straße zu ein, war schon eine Herausforderung. In dem Team war das der Kracher! Wir haben viel gelacht, aber auch eine Reihe ernste Gespräche geführt: Politik, Verwaltungsrat bonnorange, bonnorange etc. pp.

Bis gestern war die Kehrmaschine ein zweiwöchentlich wiederkehrendes Etwas, was durch meine Straße fährt, im Zweifelsfall blöd auf der Straße oder dem Fahrradweg rumgurkt. Und die Handfeger im Revier kehren halt nach. So what? Seit heute ist das für mich anders. Mein Respekt! Es war dieselbe Erfahrung wie bei der Müllabfuhr: Wir nehmen viel zu viel viel zu selbstverständlich.

Was jetzt noch fehlt: Handkehrung in der Fußgängerzone und Laubfahren im Herbst — und Winterdienst. Es gibt also noch einiges für mich zu tun.

Nachtrag: Warum das Ganze

Angefangen habe ich mit meinen „Praxis-Tagen“ ja, weil ich nicht nur Vorlagen lesen, sondern auch aus eigener Anschauung wissen wollte, worüber ich im Verwaltungsrat und Aufsichtsrat entscheide. Mittlerweile, nach fünf Jahren Kommunalpolitik und den Ergebnissen der letzten Wahlen, ist noch ein weiterer Punkt wichtiger geworden: Wir Politiker*innen werden als zunehmend von der Lebensrealität entfremdet wahrgenommen. Da gerade den Mitarbeitenden in den kommunalen Betrieben hoffentlich zeigen zu können, dass ich mich kümmere, ist mir sehr wichtig. Deshalb werde ich auch noch weitere Praxis-Tage machen. Versprochen!

2 Gedanken zu „Bonn in Orange — Kehrmännchen, Teil 1

  1. Genau mein Reden.
    Die Politik hat sich zu weit von der Wirklichkeit entfernt
    Und muß lernen, den Tatsachen sowie der Wirklichkeit ins Auge zu sehen.
    Ich finde es toll, wie du mit diesem umgehst.
    Wäre schön, wenn andere deinem Beispiel folgen würden.
    Auch im Handwerk.
    Mann sollte Tage der „Arbeit“ bei den Politikern einführen.
    Danke.

  2. Ein vorbildliches Engagement von Dir. Es ist wichtig, dass sich Politiker in die Ebenen der Praxis begeben. Das schärft die Empathie und das Verständnis für Jobs, die für das Gemeinwesen unverzichtbar sind.

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