Gastspiel: Einmal Bus fahren

20160816_Gastspiel_SWB_BuB

Die SPD-Frak­ti­on im Rat der Stadt Bonn hat sich vor eini­ge Jah­ren das For­mat “Gast­spiel” aus­ge­dacht. Dabei besu­chen wir Unter­neh­men und Insti­tu­tio­nen in Bonn, die man sonst viel­leicht nicht unbe­dingt von innen ken­nen­lernt. Also im Grun­de so etwas wie mei­ne Innen­an­sich­ten, aber eben mit einem Teil der Frak­ti­on und viel­leicht nicht ganz so viel anpa­cken. Die­ses Jahr waren wir zum Bei­spiel bereits beim För­der­ver­ein Psy­cho­mo­to­rik und beim Weck-Glas­werk. Heu­te also in einem Unter­neh­men der Stadt: Stadt­wer­ke Bonn Bus und Bahn oder auch SWB-Ver­kehr.

Fahr doch mit!Zunächst gab es in der Stadt­wer­ke­zen­tra­le an der Thea­ter­stra­ße eine Ein­füh­rung in das Unter­neh­men: Zah­len, Daten, Fak­ten, Struk­tur, Orga­ni­sa­ti­on etc. pp. Das war aber alles ande­re als Tro­cken. Denn zu erfah­ren, dass der Aus­bil­dungs­lei­ter der unter­neh­mens­ei­ge­nen Fahr­schu­le in sei­nen “frü­he­ren Leben” (wie er selbst sag­te) IHK-Aus­bil­dungs­meis­ter für sozi­al benach­tei­lig­te Jugend­li­che war zeigt, mit wel­chem Ansatz unser Unter­neh­men — und die Stadt­wer­ke gehö­ren ja als städ­ti­schen Unter­neh­men qua­si allen Bon­ne­rin­nen und Bon­nern — arbei­tet. Wir erfah­ren etwas über Alters­struk­tu­ren, Werk­statt­aus­las­tung, Aus­bil­dungs­be­ru­fe der Werk­statt, Bar­rie­re­frei­heit des Zugangs usw. usf. Schon jetzt fängt der Kopf an zu rau­chen. Nach den ers­ten 1½ Stun­den gibt es einen klei­nen Imbiss und Kaf­fee, dann geht es mit einem der sechs neu­en Elek­tro­bus­se zum Betriebs­hof Fries­dorf. Unter­wegs bekommt noch jede® von uns eine Sicher­heits­wes­te.

Auf dem BetriebshofAuf dem Betriebs­hof ange­kom­men wer­den wir in zwei klei­ne Grup­pen à sie­ben Per­so­nen auf­ge­teilt: die eine Grup­pe beginnt mit der Besich­ti­gung der Werk­statt, die ande­re darf direkt los­fah­ren. Also nicht ganz direkt. Es folgt noch ein­mal eine Auf­tei­lung in zwei “Sub-Grup­pen” à 3 bzw. 4 Men­schen, die auf jeweils einem (Fahrschul-)Bus beginnt und nach­dem alle ihre Platz­run­den gedreht haben auf das ande­re Fahr­zeug wech­seln (soll). Bei uns “soll”, weil wir alle unse­re Lenk­zeit bereits auf dem ers­ten Bus voll­stän­dig aus­schöp­fen.

Fahrschule

Die Ein­wei­sung ins Fahr­zeug war ehr­lich gesagt recht kurz: “Eigent­lich wie ein Auto: Gas, Brem­se, Kupp­lung, 6‑Gang-H-Schal­tung. Stel­len Sie sich den Sitz so ein, dass sie gut ans Lenk­rad kom­men. Die Tür schlie­ßen sie mit einem Druck auf den Knopf da recht, die Fest­stell­brem­se links von Ihnen erst hoch­zie­hen und dann nach vor­ne. Ers­ter Gang reicht, Sie könn­ten aber auch direkt im zwei­ten los­fah­ren. Dreh­mo­ment hat er genug.” Das war’s. Also los in den Zick-Zack-Par­cour, der mit Pylo­nen (“Hüt­chen”) auf­ge­stellt war. Beim ers­ten Anlauf blie­ben nicht alle ste­hen — es ist doch recht unge­wohnt, 2m vor der gelenk­ten Ach­se zu sit­zen und zwi­schen den Ach­sen ca. 8m Abstand zu haben: Len­kung erst ein­schla­gen wenn min­des­tens die Vor­der­ach­se das Hüt­chen pas­siert hat (“not­wen­di­ge Bedin­gung”), aber auch grund­sätz­lich genug Abstand hal­ten, damit man das Hin­der­nis nicht mit der Fahr­zeug­mit­te mit­nimmt (“hin­rei­chen­de Bedin­gung”). Mer­ke: Wenn’s eng ist, nimm Dir Platz — das ken­ne ich auch vom Segeln. Nur ste­he ich da in der Regel am Heck vom Gan­zen und sehe, was vor mir pas­siert. Hier schleppt man die 12m oder gar 18m mit, und in den Spie­geln, die reich­lich vor­han­den sind, sieht man trotz­dem nur das, was unmit­tel­bar an den Fahr­zeug­sei­ten pas­siert. Selbst vor dem Bus und erst recht hin­ter dem Bus ist das Sicht­feld sehr redu­ziert. Ich wer­de ver­su­chen, in Zukunft mehr dar­an zu den­ken, wenn ich mich als Rad­fah­rer an einem Bus vor­bei moge­le — der sieht mich nicht… Zum Schluss des Pra­xis­teils gab es noch eine Demons­tra­ti­on zum The­ma “Die hei­zen mit 50 Sachen um die Kur­ve!”: In einem Lini­en­bus in der letz­ten Rei­he sit­zen, wenn der Fah­rer mit stei­gen­der Geschwin­dig­keit engst mög­li­che Krei­se fährt. Bei 10km/h noch alles kein Pro­blem, bei 18km/h haut’s einen schon fast vom Sitz, bei 23km/h (wur­de nicht vor­ge­führt) wür­de das ESP abre­geln.

Danach ging es in die Werk­statt. Eigent­lich eine ganz nor­ma­le KFZ-Werk­statt. Nur grö­ßer. Viel grö­ßer. Ich mei­ne viiiiiiel grö­ßer. Ich habe schon wie­der ver­ges­sen, wie groß sie letzt­end­lich wirk­lich ist, in mei­ner Erin­ne­rung pas­sen in die Haupt­werk­statt min­des­tens 12 Gelenk­bus­se gleich­zei­tig rein. Und dann gibt es ja noch die Rei­fen­werk­statt (gut, da fährt kein Fahr­zeug rein), die Karos­se­rie­werk­statt und auch eine “Expres­s­an­nah­me” inkl. Wasch­stra­ße. Hier kön­nen also eigent­lich alle Arbei­ten, die an einem Stadt­bus anfal­len, aus­ge­führt wer­den. Selbst ein Auto­ma­tik­ge­trie­be kann hier demon­tiert, gewar­tet und wie­der mon­tiert wer­den. Das Know-how und die Tech­nik sind vor­han­den. Ein paar Zah­len: die gesam­te Kilo­me­ter­leis­tung der SWB-Bus­se beläuft sich auf 12Mio Kilo­me­ter im Jahr. Jeder Bus fährt am Tag ca. 200km. Die SWB haben ca. 180 Bus­se per­ma­nent auf der Stra­ße.1 Am Tag wer­den 20qm Die­sel getankt — und damit ver­fah­ren. Ein Getrie­be hält ca. 400.000km, ein Bus “als gan­zes” ca. 800.000km (mit dem o.g. Tages­mit­tel wären das ca. 11 Jah­re). Ein Rei­fen hält ca. 37.000km (also ein hal­bes Jahr), kann aber u.U. noch mal rund­erneu­ert oder nach­ge­schnit­ten wer­den — wenn nicht die “Bord­stein­kon­tak­te” o.ä. die Flan­ken rui­niert sind. Um die Bus­se unter die­sen Bedin­gun­gen ein­satz­fä­hig zu hal­ten, arbei­ten hier vie­le hoch­qua­li­fi­zier­te, größ­ten­teils selbst aus­ge­bil­de­te Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter an ver­ant­wor­tungs­vol­ler Stel­le. Das bekom­men wir, die wir tag­täg­lich ein­fach nur mal eben “den Bus neh­men”, über­haupt nicht mit.

Auf dem Außen­ge­län­de begeg­ne­te uns dann wie­der das The­ma SWB-Elek­tro­mo­bi­li­tät: Die Lade­sta­ti­on für die aktu­ell sechs Elek­tro­bus­se, die die SWB im Ein­satz haben. Ja, um die ca. 200 Bus­se im Bon­ner Bus­netz kom­plett von Die­sel auf Elek­tro umzu­stel­len, ist noch eini­ges an Infra­struk­tur nötig. Aber die Umstel­lung geschieht ja nicht von jetzt auf gleich. Gut zu wis­sen ist aber, dass über die SWB Ener­gie und Was­ser genug Natur­strom ange­lie­fert wer­den könn­te, um den Bedarf zu decken. Hier ist eher die Fra­ge nach der Infra­struk­tur auf dem Betriebs­hof: lang­fris­tig müss­te an jedem Abstell­platz eine Lade­säu­le ste­hen, damit die Bus­se nach Dienst­schluss gela­den wer­den kön­nen2, und das natür­lich mit so genann­ter intel­li­gen­ter Netz­tech­nik, die die Last nach Bedarf ver­teilt. Denn ande­rer­seits schaf­fen die aktu­el­len Bus­se bereits eine voll­stän­di­ge Schicht (ca. 200km, s.o.) mit einer Ladung. Zwi­schen­la­dun­gen sind im Bon­ner Bus­netz wohl nicht nötig. Ich bin gespannt, was sich hier in den nächs­ten Jah­ren noch ent­wi­ckelt.

Damit ging dann ein ein­drucks­vol­les Gast­spiel zu Ende. Ein herz­li­cher Dank an alle Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter, die uns heu­te betreut haben und vor allem an die, die uns täg­lich mobil hal­ten — egal ob auf oder am Fahr­zeug.

Mann am Steuer

  1. Wer das auf­mul­ti­pli­ziert, kommt auf 13,14Mio — Sonn- und Fei­er­tags wer­den nicht so vie­le Kilo­me­ter gemacht, eini­ge Umläu­fe sind kür­zer, aber über den Dau­men passt es.
  2. Die Lade­zeit beträgt aktu­ell ca. 5 Stun­den nach einem vol­len Tag

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