Urlaubsnotizen 2013, Nr. 013: Etrusker, Handwerk und Religiosität — oder doch alles anders.

Von Menschen und Wildschweinen

Die Rou­te von heu­te ist recht über­sicht­lich und schnell genannt: Umberti­de (E‑Mails und Blog), Bet­to­na, Deru­ta, Tor­gia­no. Laut Rei­se­füh­rer soll­te es im ers­ten Ort eine schö­ne Aus­sicht auf die Val­le Umbra von Perugia über Assi­si bis nach Spel­lo, inkl. des Mon­te Sub­a­sio sowie ein Etrus­ker­grab geben. Deru­ta ist das Zen­trum der umbri­schen Maio­li­ka-Pro­duk­ti­on mit einer Wall­fahrts­kir­che in der Nähe. Und in Tor­gia­no soll es eine auf­stre­ben­de Wein- und Oli­ven­öl­pro­duk­ti­on inkl. Pro­bier­mög­lich­kei­ten und neu­er, fach­be­zo­ge­ner Muse­en geben. Das hör­te sich nach einem ambi­tio­nier­ten Besuchs­pro­gramm an, an des­sen Schluss wir in Tor­gia­no in einer Oste­ria ein­keh­ren woll­ten. Fak­tisch stimmt das alles, aber letzt­end­lich war alles etwas (oder deut­lich?) anders, als erwar­tet. Aber trotz­dem inter­es­sant.

 

Nice View: Valle Umbra

Nice View: Val­le Umbra

Die größ­te Über­ein­stim­mung gab es noch in Bet­to­na. Der Aus­blick über das Tal und Perugia, Assi­si sowie Spel­lo am gegen­über­lie­gen­de Hang der umbri­schen Ber­ge inkl. Mon­te Sub­a­sio ist schon impo­sant. Das Dorf auf dem Höhen­rü­cken klein und über­sicht­lich, die drei Kir­chen und das Muse­um — vor­her­seh­bar — geschlos­sen zwi­schen 13:00 Uhr und 15:30 Uhr. Also nur eine klei­ne Mit­tags­pau­se im Schat­ten auf einer Bank mit “Nice View”. Das Etrus­ker­grab war auf der Fahrt in Rich­tung Deru­ta nicht zu ver­feh­len, der Zugang aber auch — vor­her­seh­bar — geschlos­sen. Es lohn­te also kein Zwi­schen­stopp.

 

Deruta Centro.

Deru­ta Cen­tro.

Kurz vor Deru­ta fin­gen die Merk­wür­dig­kei­ten aber schon an: Ein Showroom/Verkaufsraum für Cer­a­mi­che neben dem ande­ren. Aber alles völ­lig aus­ge­stor­ben. Und das obwohl vie­le Läden — trotz Mit­tags­pau­se — geöff­net hat­ten. Das setz­te sich bis ins Zen­trum von Deru­ta fort, dass — wie zu erwar­ten — auf einem Berg­rü­cken liegt. Hier war es noch ruhi­ger. Fal­scher Tag? Fal­sche Tages­zeit? Wir wis­sen es nicht. Dag­mar jeden­falls ist ein biss­chen rein­ge­fal­len. “Viel­leicht kau­fe ich doch eine ganz klei­ne Klei­nig­keit, so eine klei­ne bemal­te Kera­mik­ku­gel für eine Ket­te oder so” — in einem Laden dann direkt voll­ge­quatscht wer­den: “ah, allema­gne, bel­lis­si­ma, mio pad­re in colo­nia… — for you I make a spe­cial pri­ce” Jaja. Gekauft hat sie dann tat­säch­lich so eine Ket­te, aller­dings war die Kugel nicht ohne ein biss­chen Glit­zer­tand zu haben.

 

Einkaufsrummel in Deruta.

Ein­kaufs­rum­mel in Deru­ta.

 

Die nahe Wall­fahrts­kir­che ist für Ihre Votiv­ta­feln aus Majo­li­ka berühmt. Die­se gehen bis in das 17. Jhdt. zurück, es fin­den sich aber auch aktu­el­le.

 

In Tor­gia­no fin­den wir wie­der die gäh­nen­de Lee­re vor: ein paar weni­ge Tou­ris­ten, aber von Oste­ri­en, Pro­bier­stu­ben etc. kaum etwas zu fin­den. Die bei­den Muse­en sind pri­va­te Neu­grün­dun­gen einer Fami­lie, die hier wohl (wirt­schaft­lich) erfolg­reich ver­sucht, in Umbri­en ein Gegen­ge­wicht zu den D.O.C./D.O.C.G./I.G.T. zu Mon­te­fal­co und die Tos­ka­na zu set­zen.

 

TorgianoCimiteroVillageOutletCenter

Moder­nes Flair auch am Fried­hof.

Rich­tig merk­wür­dig im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes wur­de es aber an einer “Erin­ne­rungs­al­lee”, die aus der Stadt durch ein wie­der auf­ge­bau­tes mit­tel­al­ter­li­ches Stadt­tor zum Fried­hof führt. An jedem Baum ein Stein mit Namen und (Todes-)Daten eines Sol­da­ten des ers­ten Welt­kriegs. Die Stra­ße selbst wird nachts in der Mit­te durch in den Boden ein­ge­las­se­ne Uplights erleuch­tet. Das gan­ze gibt eine schnur­ge­ra­de Linie vom Orts­zen­trum zum Fried­hof, der für die­ses klei­ne Ört­chen erstaun­lich groß ist. Auf­ge­teilt in drei Tei­le spie­gelt er irgend­wie die Archi­tek­tur­ge­schich­te: Der alte Teil, ein ganz klas­si­scher ita­lie­ni­scher Fried­hof mit Kolum­ba­ri­en und dazwi­schen den typi­schen Fami­li­en­grüf­te, spä­tes 19. Jahr­hun­dert bis in die 1930er Jah­re. Der zwei­te Teil stammt aus den 70ern. Es sieht aus wie eine 70er Jah­re Beton-Sied­lung, alles grau, ziem­lich nor­miert, die Fami­li­en­grüf­te zwar irgend­wie pom­pös, aber eben auch nack­ter Beton. Unse­re Schu­len sahen auch so aus. Und der wohl neu­es­te Teil ori­en­tiert sich in Farb­ge­bung und Stil irgend­wie an den momen­tan moder­nen Vil­la­ge-Out­let-Cen­tern. Klei­ne Häus­chen in “tos­ka­na-gelb und ‑rot”, in Norm­grö­ße. Wirkt nicht so beson­ders leben­dig, das gan­ze. Ist aber auch viel­leicht zuviel ver­langt, von einem Fried­hof.

 

Wir sind dann doch lie­ber zurück in unser Haus gefah­ren und haben dort Pas­ta Zuc­chi­ni è Ricot­ta und einen loka­len Vino bian­co zu uns genom­men.

 

 

 

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