Büschi Hopp

Menschen, die am Abgrund leben, haben so ihre Besonderheiten. Sie sind besonders erfolgreich und durchsetzungsstark, das wissen wir seit der Niedersachsenwahl 2013. Wer noch nie am Abgrund stand und so. Der bedrohliche Blick in die Tiefe macht kreativ, stärkt die Lebensfreude und den Gemeinsinn.

Ich war heute in Titz. Titz liegt sozusagen direkt an der Abbruchkante – und das seit Jahren schon. Ganze Generationen sind hier in dem Bewusstsein groß geworden: Das wirklich wertvolle meiner Heimat ist ein Haufen Dreck unter dem Rübenfeld – und der wird abgebaggeRt und WEggebracht. Irgendwann wird Wasser eingelassen und der größte künstliche Binnensee Europas entsteht.  Bis dahin gilt es, kreativ und durchsetzungsstark alle Feste mit größtmöglicher Ausgelassenheit zu feiern wie sie fallen – das Schöne im Leben betonen. Klar, dass die Titzer sehr findig in der Kombination der schönsten Brauchelemente sind. Die bisher netteste Kombinationsleistung der letzten Jahre, die mir untergekommen ist, ist  Büschi Hopp. Ich traf ihn im Kommunikationszentrum des Ortes, das ein wenig außerhalb der eigentlichen Ortschaft liegt, im „Einkaufszentrum“, bestehend aus einem großem Parkplatz, um den sich ein ALDI und ein EDEKA gruppieren. Im EDEKA gibt es einen Bäcker – und zwei Tische mit Stühlen, wo durchgefrorene Gäste sich an einem Milchkaffee aufwärmen könnten – wenn nicht andauernd die Tür zum Parkplatz aufgerissen würde, weil 90 % der Titzer nicht durch die selbstöffnende Glasfront des EDEKA-Marktes eintreten, sondern durch den kleinen Nebeneingang der Bäckerei. Das hat etwas mit diesem durchsetzungsstark zu tun. Ebenso wie Hopp, Büschi. Eine Woche nach Aschermittwoch beginnt die vorösterliche Zeit, die für den Kauf von Hasen in Schokoladenform genutzt wird. An der Abbruchkante

Der Büschhöppi - von kurz vor der Abbruchkante

Gestatten: Büschi Hopp

allerdings wird der Hase in Teigform gebacken. Der Teig ist derselbe, aus dem im November und Dezember die Weckmänner gemacht werden. Was zu Martin und Nikolaus geht, funktioniert doch auch zu Ostern: einfacher Hefeteig, bisschen geschmacklose Kuvertüre und ein roter Kirschlolli. Fertig ist der Hase. Nicht Osterhase, sondern Büschi Hopp. Nicht, weil der Hase durch die Büsche hoppt, sondern weil vom Bäcker Büsch ersonnen. Meine höfliche Frage, ob ich diese Innovation des österlichen Gebildbrotes fotografieren dürfe, löste bei der freundlichen Bäckereifachverkäuferin große Irritationen aus. Sie erklärte sich aber bereit, in der Pressestelle der Zentrale nachzufragen. Nach einer Viertelstunde kam die in betont bedauerndem Tonfall vorgetragene Absage: Nein, das möchte man nicht, dass die Buchhöppis hier fotografiert werden, wer weiss, was dieses Rheinische Volkskundearchiv für Konsequenzen nach sich zieht. Vielleicht klauen wir die kreative Idee.

Nun gut. Also habe ich einen Höppi gekauft. Jetzt liegt er bei mir zuhause auf dem Tisch, inzwischen schon ein bisschen angeknabbert. Und trotz Bilderverbot fotografiert – bezahlt is bezahlt.

Ich denke, morgen früh mit Butter und Pfirsichmarmelade kommt er ganz gut.

Kommentar verfassen